EnergyForum VS

Risiken

(aus Hans E, Schweickardt, Verwaltungsratspräsident Alpiq Holding AG, Rede vom 2. September 2010 im Rahmen der 100 Jahre Feier des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes)

Es gibt aber für die Wasserkraft auch einige Risiken. Darauf möchte ich im Folgenden näher eingehen.

Ein erstes Risiko ergibt sich aus der Energiepolitik der Schweiz selbst. Diese steht eigentlich stabil auf den vier Säulen: Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Grosskraftwerke und Energieaussenpolitik. Es besteht aber die Gefahr, dass die Tragfähigkeit der einzelnen Säulen über- bzw. unterschätzt wird. Warum?

Es bestehen erhebliche Illusionen über die beiden Säulen Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Ihre Potentiale werden gern überschätzt und zu früh angesetzt. Sie werden nämlich erst langfristig tragfähig. Es besteht auch die falsche Hoffnung, dass Dach halte auch ohne die Säule Grosskraftwerke. Weil der Weg zu neuen Grosskraftwerken lang und unbequem ist. Doch Umwege sind am Schluss immer kostspieliger und dauern erst noch länger. Es lockt zudem die Versuchung, sich zu sehr auf die Säule Import zu verlassen. Stromimporte sind nur scheinbar der Weg des geringsten Widerstands- Tatsächlich sind Importe teuer und machen abhängig. In der Not, wenn alle andern Länder auch knapp sind, können sie sogar zum Risiko werden, statt Sicherheit zu bieten. Kurz: Das Risiko der 4 Säulen heisst ,,Illusion". Die Illusion, dass wir Versorgungssicherheit in Zukunft auch ohne zusätzliche Produktion im Inland und ohne Rücksicht auf den Preis haben können. Tatsache ist: Die eigenständige, die zusätzliche Produktion von Energie ist eine Voraussetzung für unsere langfristige Versorgungssicherheit. Hier gibt es allerdings ein zweites Risiko. Dass man nämlich nur ein einziges Pferd vor den Karren spannen will. Nur Wasserkraft. Oder nur Kernenergie. Oder nur Wind und Sonne. Oder nur Gas. Aus ideologischer Verblendung oder übersteigertem Lobbyismus. So kommt man aber nicht ans Ziel. Ein Einspänner reicht nicht:

  • Unser Strommix braucht mehrere Zugpferde.
  • Unsere Energieversorgung muss breit gefächert sein.
  • Unsere Energiepolitik erträgt keine Scheuklappen.

Die grossen Stromkonzerne der Schweiz haben allesamt verschiedene Pferde im Stall. Sie haben alle ihre Stärken und Schwächen. Doch gemeinsam sind sie in der Lage, das Rennen des 21. Jahrhunderts erfolgreich zu bestreiten. Ein Risiko-Feld ist auch die Strommarktöffnung. Nicht weil Markt und Wettbewerb schlecht sind. Ganz im Gegenteil. Aber das Regelwerk ist noch sehr instabil. Es ist sehr viel umfangreicher ausgefallen als erwartet. Und es enthält Regeln, die sogar dem Geist des Spiels widersprechen. Zum Beispiel staatliche Preisvorgaben. Darunter leidet der Spielfluss. Und man riskiert schnell die rote Karte. Anders gesagt; Der Markt funktioniert noch nicht. Er ist ja auch erst halb offen. Das ist politisch verständlich. Aber das Halbe funktioniert bekanntlich nie so gut wie das Ganze. Die Frage lautet, wie wir der ldee der Marktöffnung mehr Leben einhauchen können. Die Antwort ist:

  • Wir müssen die Investitionsfähigkeit stärken. Das ist das Wichtigste von allem. Nicht
  • abschöpfen und umverteilen ist das Thema. Sondern die Investitionsbereitschaft fördern.
  • Wir müssen weitere Schritte wagen - und den Markt weiter öffnen, nicht zumachen.
  • Wir brauchen Berechenbarkeit und Stabilität. Mehr Konstanz, weniger Hin und Her.
  • Wir sind froh, wenn die Politik den Rahmen setzt. Aber sie kann nicht der bessere Unternehmer sein. Das hat die Geschichte immer wieder gezeigt. Eine Politik der Zurückhaltung bringt am Schluss mehr als eine Politik der Interventionen.

Dann gibt es auch noch das Preisrisiko. Der Preis ist eine Schlüsselgrösse für Konsumenten und Produzenten. Er besteht aus drei Teilen:

  • Ein Drittel des Preises sind die eigentlichen Energiekosten, also die Produktion. Hier soll Wettbewerb herrschen. Mit diesem Teil des Preises - und nur mit diesem - können die Investitionen in die zusätzlich nötige Produktion finanziert werden. Hier muss in Zukunft der Marktpreis gelten. Künstlich tiefe Preise gemäss Gestehungskosten sind marktfremd und gehen zulasten der Investitionsfähigkeit.
  • Ein Drittel des Preises entfällt auf die Netzkosten. Hier besteht kein Wettbewerb, sondern ein Monopol. Hier bestimmt letztlich der Regulator den Preis. Die Elcom hat die Preise bereits mehfach nach unten diktiert. Vielleicht zu weit, sagt das Bundesverwaltungsgericht.
  • Der Rest entfällt auf Steuern und Abgaben. Diese machen auch bald einen Drittel des Strompreises aus. Denken Sie nur an die beschlossene Erhöhung der Wasserzinsen, an die Renaturierungsbeiträge und an die Erhöhung der kostendeckenden Einspeisevergütung.

 Der Staat meint es zwar nur gut mit all diesen Abgaben. Doch was er abschöpft, fehlt am Schluss im Topf für die Investitionen. Oder im Budget der Konsumenten. Es fällt auf:Die eine öffentliche Hand drückt die Preise nach unten. Die andere öffentliche Hand erhöht sie wieder über Steuern und Abgaben. Das ist schwer durchschaubare Logik. Ein Risiko für Konsumenten und Produzenten. Damit komme ich zu einem letzten Risiko: die Engpässe im Netz.Wenn der Strom nicht ins Ziel kommt, nützt die beste Produktion nichts. Unbestritten ist: unser Netz hat Engpässe. Das stellt die Infrastruktur-Strategie des Bundes fest. Und das hat auch der Schlussbericht der Expertengruppe nach dem Stromausfall im SBB-Netz festgehalten. Die Experten haben über 60 Punkte von strategischer Bedeutung im SBB- und übrigen Netz bezeichnet, die angepackt werden müssen. Unbestritten ist auch, dass Leistungsfähigkeit und Stabilität des Netzes immer wichtiger werden,

  • weil die offenen Märkte auf offenen Netzen basieren;
  • weil Elektrizität z.B. aus Sonne und Wind dezentral und von Natur aus instabil produziert wird und
  • weil unsere Gesellschaft Strom rund um die Uhr braucht, aber jede Minute in ganz unterschiedlichen Mengen. Das braucht Kapazitätsreserven im Netz.

Unbestritten ist deshalb, dass wir in Zukunft mehr in das Netz investieren müssen. Dafür müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Im Monopol-Preis sind Mittel für Investitionen einzurechnen;
  • Die Bewilligungsverfahren sind so zu gestalten, dass Bewilligungen mit vertretbarem Aufwand möglich sind
  • die Frage: Freileitung oder Erdverlegung? muss fallweise und pragmatisch entschieden werden. Nicht jede Leitung muss oder kann in den Boden. Das hält auch die EU so. Sie hat bis jetzt erst 0.09% des Netzes in den Boden gebracht.

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